Donnerstag, 16. Januar 2014

Alles oder nichts oder doch nur ein Bisschen was? Die zwei Poly-Typen

Stellt euch vor, ihr lernt jemanden kennen, findet den anziehend, und er euch auch. Beim besseren Kennenlernen merkt ihr aber, dass ihr in einigen Bereichen sehr unterschiedlich seid, die für das Funktionieren einer klassischen Beziehung (also nicht monoamor aber ansonsten halt das was man üblicherweise darunter versteht) wichtig wären. Nun gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Ihr denkt euch "Das, was wir an Übereinstimmung haben reicht nicht aus für eine richtige Beziehung. Ganz oder gar nicht, so halbherzig wird das nichts." und beendet das Ganze wieder.
2. Ihr denkt euch "Das wird keine vollständige Beziehung nach klassischem Vorbild, aber lass uns weiterhin die Dinge teilen die bei uns gut passen, es muss ja nicht immer Alles oder Nichts sein."

Wer würde welche Möglichkeit wählen? Ich denke, es gibt da kein richtig oder falsch, sondern das ist halt eine Typsache (oder situationsabhängig), ob man eine "nur ein Bisschen"-Beziehung als lohnenswert empfindet oder nicht. Und ich glaube, das kann leider manchmal zu bösen Missverständnissen führen.

Das war die Kurzfassung. Und jetzt die lange Version:

Wenn ich mir die Leute aus meinem polyamoren Bekanntenkreis, und ihre Beziehungen, so anschaue, gibt es dort zwei verschiedene Typen von Denkansätzen. Und wenn diese aufeinandertreffen und sich voneinander angezogen fühlen, dann birgt das ein höheres Konflikt-/Unzufriedenheitspotenzial als wenn es zwei Menschen des gleichen Typs sind. Festzustellen welcher Typ man (wann) ist, kann helfen, solche Situationen besser zu verstehen.

Wobei diese beiden nicht als eindeutiges "entweder-oder" zu verstehen sind, sondern als die zwei Extreme einer Skala, auf der sich die meisten Menschen irgendwo dazwischen befinden. 

Außerdem macht dieser Aspekt natürlich nicht die gesamte Persönlichkeit eines Menschen aus, und es gibt auch noch andere Faktoren, die das Beziehungsverhalten beeinflussen. Diese auch noch alle in meinem Modell zu berücksichtigen, würde es aber so kompliziert machen, dass wahrscheinlich kaum noch jemand wüsste worauf ich hinauswill.

(UPDATE:
eine kurze nicht-repräsentative Umfrage unter einigen Freunden zeigt bisher, dass die meisten Menschen wohl Mischtypen sind, die aber stärker zu einer Seite tendieren.
Einige z.B. denken grundsätzlich eher wie Typ 2, haben/wollen aber gleichzeitig einen "Hauptpartner" mit dem sie eine Beziehung wie Typ 1 führen. Ich würde diejenigen insgesamt aber trotzdem zu Typ 2 zählen.
Außerdem scheint es auch situationsabhängig zu sein, also dass man mit manchen Menschen nur "ganz oder gar nicht" will, mit anderen aber auch gerne nur "ein Bisschen".)


Typ 1: der "ganz oder gar nicht"-Typ

Die ideale Beziehung sieht für den Typ 1 fast so aus wie die übliche Rolltreppe der monoamoren Gesellschaft - nur mit dem Unterschied dass das eben auch mit mehreren Leuten geht.
Der Typ 1 wünscht sich Partner, bei denen er ganz genau weiß woran er ist und die mit ihm alles teilen möchten was eine klassische Beziehung so ausmacht. Mit denen er gerne zusammenziehen und ggf. auch heiraten und Kinder bekommen möchte.
Dieser Typ prägt zur Zeit das vorherrschende Bild von Polyamorie in den Medien. Er ist derjenige, der sich dafür aussprechen würde, die Ehe für mehrere Menschen einzuführen.
Die Anzahl seiner Partner ist meistens eher gering und fast jederzeit klar feststellbar.

Wenn sich zwei Menschen vom Typ 1 gegenseitig anziehend finden, dann lernen sie sich kennen und loten aus, ob ihre Vorstellungen von einer Beziehung weit genug übereinstimmen. Wie weit das sein sollte, ist beiden ungefähr vorher klar. Wenn ein wichtiger Aspekt nicht passt, dann versuchen sie entweder, dabei einen Kompromiss zu finden und jeder macht dem Anderen Zugeständnisse, oder sie beschließen, dass die Differenz zu groß ist und bleiben lieber "nur" Freunde bzw. "nur" Affäre, oder brechen den Kontakt sogar ganz ab.


Typ 2: der "mal sehen, so viel wie sich ergibt"-Typ

Die ideale Beziehung ist für Typ 2 dadurch erkennbar, dass sie sich gut anfühlt. Und das kann mit unterschiedlichen Personen völlig unterschiedlich aussehen. Dass man irgendwann mal zusammenziehen, heiraten und/oder Kinder kriegen will, ist zwar nicht ausgeschlossen, aber hat bei der anfänglichen Auswahl der Beziehungspartner keinen Einfluss. Viele (nicht alle!) Menschen vom Typ 2 können gar nicht oder nur sehr schwer eine Grenze ziehen zwischen solchen Begriffen wie Liebesbeziehung, Affäre und Freundschaft (plus). Für sie ist der Unterschied zwischen jeder individuellen Beziehung so groß, dass es keinen Sinn macht, diese in solche, in ihren Augen völlig willkürliche, Kategorien zu gruppieren.
Der Typ 2 wünscht sich Menschen, mit denen ihn irgendetwas verbindet - die Übereinstimmung der Interessen, Vorlieben etc. kann dabei sehr groß sein, muss sie aber nicht.
Dieser Typ wird in den Medien (und von monoamoren oder Typ 1-Freunden) oft als bindungsunfähig/-unwillig oder als "der will doch nur rumvögeln" wahrgenommen. Er ist derjenige, der sich für die Abschaffung der Ehe aussprechen würde, und es als Diskriminierung wahrnimmt, einer romantischen Beziehung per se mehr Priorität zuzusprechen als einer Freundschaft.
Die Anzahl seiner Partner ist nicht immer klar feststellbar, aber tendenziell deutlich höher als bei Typ 1, da die Ausschlusskriterien viel geringer sind.

Wenn sich zwei Menschen vom Typ 2 gegenseitig anziehend finden, dann lernen sie sich kennen und stellen fest, in welchen Aspekten sie gut harmonieren, gemeinsame Interessen haben, wie der Kontakt sich gut anfühlt. Sie teilen dann das miteinander, was sie dadurch gefunden haben
Wenn ein bestimmter Aspekt nicht harmoniert, dann teilen die beiden dies eben nicht miteinander, da sie sich für den anderen nicht verbiegen wollen und ihnen ein Kompromiss oft so erscheinen würde. Dass nicht alles passend ist, ist für die beiden aber kein Grund, nicht weiterhin voller Begeisterung die Dinge zu teilen die sich bei ihnen beiden gut anfühlen.


Was passiert, wenn sich zwei Menschen unterschiedlicher Typen gegenseitig anziehend finden?

Der Anfang ist wieder der selbe: kennenlernen und gucken, wie groß die Übereinstimmung ist.

Wenn die Übereinstimmung groß genug ist, dass der Typ 1 sie als lohnenswert ansieht, dann beginnen die beiden eine Beziehung. Aus den unterschiedlichen Prioritäten kann sich in bestimmten Situationen ein Konflikt entwickeln, wenn der Typ 1 sich wünscht, Typ 2 würde um der Beziehung willen etwas von seinen eigenen Interessen zurückstecken, während sich Typ 2 in seiner Freiheit beschränkt und von dieser Erwartungshaltung überfordert fühlt.
Grundsätzlich ist es aber für Typ 2 auch möglich, eine Beziehung nach dem Bild von Typ 1 zu führen, er sieht das nur nicht als einzige Möglichkeit an.

Andersherum wird es schwieriger: Wenn die Übereinstimmung aus der Sicht des Typ 1 nicht groß genug ist, dann zieht er sich aus dem Versuch, eine Beziehung zu begründen, wieder zurück. Wenn er viel Wert auf Kommunikation legt, wird er dem anderen erklären, was seiner Meinung nach nicht passt, und dann davon ausgehen dass dem Anderen klar ist dass diese Beziehung keine Zukunft hat. Wenn der Typ 2 weiter den Kontakt pflegen will wie bisher, wird er verwundert sein und eventuell genervt davon.
Der Typ 2 hingegen geht davon aus, dass der genannte Aspekt nicht mehr oder kaum noch miteinander geteilt werden wird, aber alles Andere so bleibt wie bisher. Wenn er merkt, wie der Typ 1 sich dann auch von vielem Anderen zurückzieht wird er verwundert, enttäuscht und traurig sein und sich fragen, warum ihm all das Schöne, was sie bisher geteilt haben plötzlich nichts mehr Wert ist.

Wenn den beiden nicht klar ist, dass sie unterschiedliche Typen sind, sorgt das dann natürlich für große Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Deswegen finde ich es wichtig, sich selber und andere dazu richtig einschätzen zu können.

Ich sehe mich sehr deutlich als Typ 2, und habe für alle hier erwähnten Möglichkeiten schon mindestens ein Beispiel erlebt.


Und jetzt bin ich neugierig und würde mich sehr über Kommentare freuen:
  • Welchem Typ würdet ihr euch zuordnen? Ist das sehr eindeutig oder seid ihr eher in der Mitte oder kommt das sehr auf euer Gegenüber an? In welchen Aspekten erkennt ihr euch wieder?
  • Kann sich das im Laufe der Zeit ändern? (Ich denke: ja, denn als ich noch monoamor gedacht habe, war ich viel eher Typ 1)
  • Habt ihr schon Situationen erlebt, in denen es eine Schwierigkeit aufgrund dieses Unterschiedes gab?
Ich bin sehr gespannt auf euren "Input", vor allem weil ich ja selber gerade eben erst diese Theorie entwickelt habe und sie noch nicht ausführlich überprüfen konnte.

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Kommentare:

  1. Ich bin in der ganzen Polysache noch sehr unerfahren, sehe mich selbst aber auch zwischen Typ 1 und 2. Ich suche einen, bzw mehrere Primärpartner, die wirklich zu mir passen und mit denen ich mein Leben verbringen kann. Gleichzeitig sage ich aber auch, dass es nicht zwingend perfekt sein muss. Man kann sich auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren und für verschiedene Askepte des Lebens verschiedene Partner haben.

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  2. Mit all meinen Gedanken, die ich hatte, als ich losgezogen bin und deinen Blog gefunden habe, ordne ich mich theoretisch auf jeden Fall Typ 2 zu und nicht Typ 1. Allerdings habe ich keine praktische Erfahrung damit. Ich weiß nur, dass ich sehr unzufrieden bin mit der Rolltreppe und wie die Gesellschaft darauf besteht darauf mitzufahren.

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